Tierschutz und Verbraucher

Ich habe gestern in der ARD Mediathek einen Beitrag gesehen, in dem ging es um die von Zuschauern gewählten 10 größten Skandale Deutschlands. Einer dieser Skandale drehte sich um Tierschutz, Hauptsächlich bzgl. Massentierhaltung in der Industrie.
Ein abschließender Kommentar des Sprechers dazu lautet wie folgt:

Ein Teil des Skandals sind aber auch wir – die Verbraucher. Alles möglichst billig. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

An dieser Stelle würde ich jetzt gerne ansetzen.
Es ist hier nicht das erste Mal (und sicher auch nicht das letzte Mal), dass ein Teil der Schuld oder auch mitunter die gesamte Schuld der Verantwortlichen auf die Verbraucher abgewälzt wird. Argumentiert wird damit, dass die Kunden immer geiziger werden würden und nur dort kaufen würden, wo es am billigsten wäre. Das würde die Betriebe dazu zwingen mit dem Preis runter zu gehen, auf diese Weise würde der Gewinn geschmälert und man könne seine Anlagen nicht mehr artgerecht für die Tiere betreiben. Es fehle ja das Geld.
Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Der geizige Kunde oder der Produzent, dessen Tiere sich furchtbar quälen?
Im zweiten Fall ist es einfach: Der Produzent, dessen Tiere sich furchtbar quälen.
Der Geiz in der Bevölkerung kommt nicht von ungefähr sondern wurde anerzogen – durch die Industrie.
Einige Hersteller (z.B. Saturn) haben das sogar offen in ihre Werbung mit einfließen lassen (“Geiz ist geil!”). Die Verbraucher wurden solange manipuliert durch Berichte und Werbung, bis sich dieses Kaufverhalten fest in ihren Köpfen verankert hatte und zu einer Selbstverständlichkeit wurde.
Ich meine das nahm so richtig Fahrt auf, als der Euro eingeführt wurde.
Davor schämte man sich, wenn man bei Aldi einkaufen gehen musste, denn das bedeutete, dass man kein Geld hatte. Die Leute kauften eher bei Minimal, bei Sky, es ging ihnen gut und keiner, der es nicht nötig hatte, zahlte mit Coupons.
Ich weiß noch, wie die Leute sich das Maul zerrissen haben, wieso jemand wie Steffi Graf im Aldi einkaufen gehen würde, die wäre doch reich.
Doch dann kam der Euro, alles wurde doppelt so teuer, denn die DM war ja plötzlich nur noch die Hälfte wert und entgegen der Versprechungen rechneten die Märkte ihre Preise nicht um, sondern ersetzten lediglich das “DM” durch ein “€”. Hinzukam, dass zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren die Löhne nicht mehr gestiegen waren, ganz im Gegensatz zu Kosten wie Miete, Gas und Strom. Überall waren Beschwerden von Verbrauchern zu hören, dass man für gleiches Geld den Wagen plötzlich nicht mal mehr halb voll bekam.
Wenn man nun also bedenkt, dass die Märkte plötzlich doppelt so viel Gewinn machten (theoretisch, wenn man davon ausgeht, dass die Kaufkraft vorerst gleich blieb), sie aber vor der Preiserhöhung auch schon gut Gewinn gemacht hatten, ergibt sich daraus ein riesiger Spielraum für Sonderangebote, die eigentlich gar keine Sonderangebote waren.
Wer also sein Zeug billiger verkaufte, machte immer noch super Gewinn und war außerdem ein Kundenmagnet, da diese ohnehin höchst unzufrieden mit der neuen Preissituation waren.
Plötzlich schossen Discounter aus dem Boden wie Pilze. Zu Aldi gesellten sich Lidl, Netto, Tip, Norma etc. Sie alle verkauften ihre Produkte quasi zum DM-Preis. Überall standen plötzlich riesige Schilder, hingen Anzeigen, liefen Spots die alle so ziemlich den gleichen Inhalt hatten: “Kauft bei uns, hier ist es noch billiger!”
Siehe auch Elektromärkte wie Media Markt, Saturn (der irrwitzigerweise eigentlich nie als günstig galt), ProMarkt etc.
Alles, was die Leute vorerst wollten war, keinen finanziellen Schaden aus der Euroumstellung zu haben.
Was sie bekamen waren Märkte, die sich in eine gnadenlose Preisschlacht stürzten.
Wie kommen die Produzenten und Märkte jetzt auf die Idee, ihren Unterbietungswahn im Konkurrenzkampf auf den Kunden abzuwälzen?
Ist der Kunde zu verurteilen, wenn er zu dem Preis kauft, zu dem ihm die Ware angeboten wird?
Ist er zu verurteilen, wenn er in den Saturn rennt, statt in den Comtech oder den kleinen Elektrohandel an der Ecke, weil Saturn ihn mittels Werbung regelmäßig darüber aufklärte, dass es die gesuchte Digicam dort viel, viel günstiger gab, als woanders?
Und weil ja Geiz sowieso geil ist? Oder wenn es ihm vom Media Markt regelmäßig entgegenschreit, dass man ja blöd wäre, woanders einzukaufen, wenn es hier viel billiger sei?
Hinzu kommt, dass wir in Deutschland seit Jahren eine immer weiter wachsende Armutsschicht haben. Das sind Menschen, die keine Wahl haben und Preise vergleichen müssen, weil sie sonst verhungern.

Die Industrie klagt, das Kunden nicht mehr überteuert kaufen, hat die Kunden jahrelang für den Konkurrenzkampf missbraucht, ihr Vertrauen missbraucht.
Was sind das für Zustände? Die Wirtschaft ist nicht unschuldig daran, dass die Kunden ihr Geld vorsichtiger ausgeben, teilweise gar keins mehr haben. Sie sind keine Kühe, die man unendlich melken kann! Wenn nix mehr da ist, kann nix mehr ausgegeben werden.
Sie an geringere Preise zu gewöhnen ist schließlich auf dem Mist der Industrie gewachsen.

Im Kampf um das täglichen Umsatzwachstum hätte man ja vllt. mal vorausdenken können.
Jetzt den Verbraucher für schuldig erklären, weil er preiswertes Fleisch, das ihm angeboten wird auch kauft ist ja wohl unterste Schublade. Es war der Industrie doch recht, bis aufgedeckt wurde, dass man die Gewinnspanne vergrößert hatte, indem man einfach gammliges Fleisch zum gleichen Preis wie frisches verkaufte.

Ist es tatsächlich die Schuld der Verbraucher, wenn man in der eigens angezettelten Preisschlacht plötzlich nicht mehr bestehen kann?
Und deshalb verkauft man ihm jetzt Fleisch gequälter Tiere bzw. als nächste Stufe verdorbene Ware?

Das Beste: Die Industrie wälzt tatsächlich auch diese Schuld auf den Verbraucher ab.
Folgende Aussage (sinngemäß) war zur Zeit der Gammelfleischaffären immer wieder zu hören:
“Die Verbraucher sind selbst Schuld. Wer 500g Fleisch für 2 Euro kauft, muss damit rechnen, dass damit etwas nicht stimmt. So billiges Fleisch kann kein gutes Fleisch sein. Wer sicher gehen will, sollte teures Fleisch kaufen.”

Hallo? Entschuldigung, aber geht’s noch?
Wir haben in Deutschland Gesetze, die unter anderem auch regeln in welchem Zustand Lebensmittel verkauft werden dürfen. Darauf sollte sich der Verbraucher verlassen können. Tut er dies, wird er aber jetzt von der Industrie öffentlich für dumm erklärt, weil der Verbraucher so naiv ist zu glauben, dass er für einen günstigen Preis immer noch den Gesetzen entsprechende Lebensmittelqualität erhält.
Was ist hier los?

Und noch was: Gammelfleisch gab es auch schon für 4,- oder 6,- Euro für 500g. Wie erklärt sich das?
Ich rate mal ins Blaue: Man erzählt dem Verbraucher, er solle nur teures Fleisch kaufen, so geht er sicher, kein Gammelfleisch zu erwischen.
Man verkauft dann sein Gammelfleisch einfach teurer, hat noch mehr Gewinn und einen erneut gefoppten Kunden.

Und jetzt erzähl mir noch einer, es würde auch nur ein Euro in eine artgerechtere Haltung fließen, wenn die Leute selbst 20 Euro für 500g bezahlen würden. Bullshit – in meinen Augen.
Die Tiere kommen zuletzt, sie sind ja nur Ware. Vorher kommen eher höhere Gehälter für die oberen Etagen, ein schöner Ausflug mit der Familie, ein neues Haus usw. Aber sicher keine Vergrößerung oder Erneuerung der Stallanlagen. Daran glaube ich nicht.

Also, liebe Industrie, hört auf eure scheiß Verantwortung und Schuld auf den Verbraucher abzuwälzen. Fakt ist, ihr habt das alles selbst inszeniert, jetzt lebt auch mit den Folgen und heult nicht rum.
Und es wird ja auch nicht besser.
Mit jedem Tag werden es mehr Menschen, die am Existenzminimum leben und Preise vergleichen müssen.
Einzig jenen Verbrauchern, die nicht auf Preise achten müssen, könnte man einen Teil der Schuld übertragen, aber da diese längst nicht die Masse ausmachen, dürften die wohl kaum ausschlaggebend gewesen sein, für diese ganze Scheiße.

Deshalb: Maul halten und Gürtel eben selbst mal enger schnallen.

xxx, YM

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