Zeitfresser: Spezialinteresse

Auch ich habe mir vorgenommen, mal wieder öfter zu bloggen =P
Es gab einen Grund, warum ich das die letzten Wochen nicht tat – ich war sehr beschäftigt. Die meisten Sachen musste ich machen, da kam Druck von außen (z.B. Überweisungen, Formulare ausfüllen, Rechnungen erstellen, etc.), aber eine Sache musste ich nicht machen – zumindest war es allen anderen egal – nur mir nicht. Da kam der Drang von mir.

Zur Vorgeschichte: Ich habe vor vielen Monaten mal ein Gespräch mit CH gehabt, wo ich ihr erzählte, dass ich alle Symptome (mit Ausnahme von Kataplexien) einer Narkolepsie habe. Das wurde bei mir um 2001/2002 herum festgestellt.
Ich weiß jedoch nicht, ob ich das schon mal offiziell im Blog geschrieben habe.
Jedenfalls ist es so, dass ich meist sehr müde bin (deshalb auch ab und zu die Aktionen, dass ich eine Nacht durchmache, habe ich ja mal erklärt), ich habe in der Nacht oft Albträume und Schlaflähmungen sowie Halluzinationen. Die Halluzinationen sind hypnagogisch, das heißt, ich bin mir mehr oder weniger bewusst, dass ich halluziniere und sie treten eben auch nur während des Einschlafens oder kurz vor dem Aufwachen auf (eigentlich sehr spannendes Thema). Es sind also keine gewöhnlichen Halluzinationen, die rund um die Uhr erscheinen können und z.B. Paranoia begründen.

Ich wurde dann einige Zeit mit Medikamenten zugedröhnt, um mich wach zu halten – eines davon war Vigil und ist ein BtM-Medikament. Es wirkt auf normale Menschen wie Speed kann man sagen, eine viertel Tablette und sie drehen stundenlang frei. :mrgreen:
Ich habe 4 ganze Tabletten pro Tag nehmen müssen, die Maximaldosis.
Gebracht hat es nicht lange was und ich entschied sie abzusetzen. Es war, als würde mein Körper sie einfach irgendwie absorbieren.
Ein ähnliches Phänomen hatte ich auch bei Alkohol mal beobachtet – ich trinke normal gar keinen Alkohol, weil er mir einfach nicht schmeckt. Selten trinke ich mal n Bier oder so (o_O) Das liegt aber eher an meiner Herkunft und hat nostalgische Gründe =P
Jedenfalls, obwohl meine Eltern beide mehr oder weniger Alkoholiker sind (mein Vater absolut, meine Mutter immer wieder mal), übt Alkohol keinerlei Anziehung auf mich aus. Das liegt vermutlich wohl auch daran, dass er keine Wirkung auf mich zu haben scheint. Ich habe mal einen Punk aus unserer Nachbarschaft unter den Tisch gesoffen, da war ich 14 oder 15. Ich hatte anschließend nicht mal einen Kater und war immer noch Herr meiner Sinne. Dazu sollte ich erwähnen, besagter Punk hat sich von Alkohol ernährt.
Es gibt lediglich die Theorie, dass ich von Alkohol müde werde – aber es ist eben deshalb nur eine Theorie, weil ich a) sowieso ständig müde bin und b) ich diesen Effekt ausschließlich nachts beobachten konnte, weil ich tagsüber keinen Alkohol trinke. Somit ist nicht klar, ob die Müdigkeit dem Alkohol zuzuschreiben ist oder dem Umstand, dass es spät war und ich um diese Zeit ohnehin müde gewesen wäre – oder beidem.

Etwa zur gleichen Zeit (also um 2001/2002 herum), fing ich verstärkt an mich mit Autismus zu beschäftigen. Psychische Erkrankungen, neurologische Störungen und Verhaltenspsychologie sind seit jeher eine Art Hobby von mir. Autismus gehört dabei zu den neurologischen Störungen – er ist also normal angeboren, wobei es auch Theorien gibt, dass beispielsweise Unfälle oder andere Erkrankungen zumindest die Symptome von Autismus auslösen können. Autismus wurde hauptsächlich in der Öffentlichkeit bekannt durch den Film Rain Man. Der Film wiederum lehnt sich an Kim Peek an, einem der bekanntesten “Autisten” weltweit. Jedoch wissen nur wenige, dass Kim Peek eher ein Savant war – ebenso wie Rain Man. Denn diese speziellen Fähigkeiten (Inselbegabung genannt), die Autisten zugeschrieben werden, sind Merkmale von Savants. Savants gibt es nur sehr wenige (praktisch nur eine handvoll weltweit) – einige sind es schon immer gewesen, andere wurden durch einen Unfall ein Savant. Kim Peek hatte z.B. die unglaubliche Fähigkeit zwei Seiten eines Buches zur gleichen Zeit zu lesen. Das rechte Auge las die rechte Seite, das linke die linke Seite. Alles, was er dabei las, blieb für immer in seinem Gehirn gespeichert und konnte quasi jederzeit von ihm abgerufen werden.
Kim Peek war quasi die menschliche Version des Internets 😉
Ein weiterer sehr bekannter Savant (und in diesem Fall gleichzeitig Autistin) ist Temple Grandin. Sie sieht und versteht die Welt durch die Augen von Tieren bzw Rindern. Das befähigt sie, beispielsweise Schlachthöfe so zu gestalten, dass sie für Rinder weniger bis gar nicht mehr angsteinflößend sind. Die Tiere leben stressfreier. Temple meinte mal, wenn die Tiere schon geschlachtet werden müssten, sollten die Menschen das mit Respekt vor dem Tier, dessen Fleisch sie essen, machen. Denn als Menschen können sie das. In den USA sind soweit ich weiß inzwischen knapp 50% aller Schlachthöfe nach Temples Entwürfen umgebaut worden. Die Geschichte von Temple wurde auch verfilmt – Hauptdarstellerin ist Claire Danes: Temple Grandin (in Deutschland: Du gehst nicht allein – Temple Grandin) – nur, falls jemand Interesse hat. :)

Ich hab mich verquatscht – also, ich kam zu Autismus. Ich sah in dieser Zeit auch sehr viele Dokumentationen über Autismus und las viele, viele Berichte dazu. Dabei schoss in mir immer wieder dieser Gedanke hoch, dass ich doch sehr viel mit Autisten teile. Nicht so stark ausgeprägt, aber es gibt verdammt viele Parallelen. Dass ich selbst Autismus haben könnte, war aber für mich ausgeschlossen, denn ich kam ja mehr oder weniger gut in der Welt zurecht. Dennoch hab ich von da an öfter (jedoch eher spaßeshalber) gemeint, ich hätte autistische Züge. Überraschenderweise bekam ich auch von außen oft ein bestätigendes Nicken (o_O)

Vor einigen Monaten aber, kam ich erneut auf das Thema Autismus – ich weiß gar nicht mehr warum – ah, wegen HSP. Jemand sprach mich mal darauf an, ob ich eine HSP haben/sein könnte – also eine hochsensible Persönlichkeit. Ich informierte mich und fand, dass es durchaus im Bereich des Möglichen lag – ich hab ein extrem gutes Gehör und bin auch sehr nach dem Gehör orientiert. Außerdem ist mein Geruchssinn stark ausgeprägt, ebenso wie mein Geschmacks- und Tastsinn. Lediglich meine Augen nutzen ich eher sekundär. Das heißt, ich reagier auf die meisten Geräusche sehr empfindlich, weil ich einfach alles viel lauter wahrzunehmen scheine, als andere. Gleiches bei Gerüchen. Auch meine Haut selbst scheint (über den Tastsinn quasi) äußerst empfindlich zu reagieren – ich finde z.B. dass 90% aller Wollpullover furchtbar kratzig sind, wo andere mir erzählen wollen, die seien kuschlig weich.
Jedenfalls kam ich über den Artikel zu HSP auf das Asperger Syndrom. Entfernt hatte ich davon schon mal gehört, als ich mich das erste Mal mit Autismus beschäftigt hatte, hatte es aber nie weiter verfolgt.
Hätte ich es mal.

Das Asperger Syndrom ist quasi das fehlende Steinchen, als das ich mich 10 Jahre lang selbst beschrieben hatte – es ist Autismus in abgeschwächter Form.
All die seltsamen Dinge aus meiner Kindheit fielen mir urplötzlich wieder ein, als ich anfing mich über Asperger zu informieren –

  • Märchen, die man mir vorlas konnte ich nach dem ersten Mal hören sofort komplett auswendig
  • ich spielte nur mit anderen Kindern, wenn es von Erwachsenen arrangiert wurde
  • ich bevorzugte immer die Gesellschaft von älteren Kindern und Erwachsenen
  • ich konnte mit 2 Jahren grammatikalisch korrekt sprechen und sprach wie ein Erwachsener
  • ich kann mich bis zu meinem 2. Lebensjahr zurückerinnern – allerdings hauptsächlich an Umgebungen und Begebenheiten, weniger an Personen.
  • im Kindergarten hing ich ausschließlich bei der Kindergärtnerin rum und stellte ihr Fragen über Fragen, was die auch manchmal nervte, aber sie hielt tapfer durch :mrgreen:
  • ich verdrehte ständig meine Finger, Arme und Beine
  • ich hatte merkwürdige Stereotypien (viele davon habe ich heute noch)
  • ich war ein extrem stilles Baby – hab mich immer schon über Stunden alleine beschäftigen können und eigentlich fast nie geweint, geschweige denn geschrien
  • ich neigte zu ellenlangen Monologen/Erklärungen
  • ich fiel anderen ständig ins Wort
  • ich hatte Routinen und war schnell irritiert, wenn ich ihnen nicht mehr nachgehen konnte
  • mein Gerechtigkeitssinn war sehr stark ausgeprägt
  • ich hatte immer ein sehr gutes Zahlengedächtnis – außer bei Jahreszahlen
  • ich habe kein Zeitgefühl im Hier und Jetzt, dafür aber ein Talent für sehr genaue Schätzungen, wie lange etwas her ist.
  • ich war immer sehr an Sprachen interessiert und auch sehr sprachbegabt
  • meine Lieblingsfächer waren speziell jene, wo es keinen Ermessenssspielraum gab – entweder das Ergebnis war richtig oder falsch. Dazwischen gab es nichts – also Mathe, Physik, Chemie etc. Klare Linien.
  • gleichzeitig mochte ich aber auch Musik, Kunst und Sport, das genaue Gegenteil also. Gerade bei Sport war das völlig absurd, denn ich hatte meine “Kräfte” kaum unter Kontrolle, was häufig dazu führte, dass ich mich verschätzte und dann beim Bockspringen gegen Wände flog, beim Laufen auf die Fresse (wortwörtlich), usw.
  • ich liebte es auf Zehenspitzen zu laufen oder auf einem Bein zu stehen
  • ich erfand neue Wörter
  • ich hielt mich immer an Verbote und Grenzen
  • ich kam immer besser mit Tieren klar, als mit Menschen. Menschen interessierten mich nur, wenn ich ihr Verhalten studierte.
  • ich mied Augenkontakt – allerdings wusste ich, bis ich ca 17 war nicht, dass Augenkontakt von anderen Menschen als höflich erachtet wird. Erst seit ich 17 bin, versuche ich also Augenkontakt zu halten, aber ich quäle mich furchtbar dabei – seit ich das weiß, ist es viel schlimmer, weil ich jetzt genau dazwischen hänge – weggucken kann ich nicht mehr, weil ich ja weiß, dass der andere das als komisch und unhöflich empfinden könnte und ich will beides nicht sein, aber in die Augen gucken kann ich auch nicht, weil es sich ganz furchtbar für mich anfühlt. Im Endeffekt meide ich inzwischen menschliche Kontakte noch mehr, als früher eh schon
  • ich war immer sehr, sehr schüchtern
  • ich hasste Fotos – ich kann nicht gestellt lächeln, das sieht total bescheuert aus, aber jeder will, dass ich auf Fotos lächle – leckt mich doch am Arsch!
  • ich hatte ein “fotografisches” Gedächtnis
  • ich dachte in Bildern
  • uvm.

Und das gilt auch heute noch.
Es gibt nur eines, was mich von typischen Aspergern unterscheidet (dachte ich)  – ich kann mich gut in Menschen hineinfühlen. Ich war voller Zweifel – Asperger würde so vieles bei mir erklären, die ganzen Merkwürdigkeiten, meine Reaktionen in sozialen Situationen, die andere immer irgendwie zu verstören scheinen, diese für mich kaum überwindbare Hemmschwelle, zu anderen Menschen Kontakt aufzunehmen, meine negativen Empfindungen bei Berührung – ich mag es nicht, wenn andere Menschen z.B. so dicht neben mir stehen, dass sie mich berühren, oder wenn sie mir ihre Hand auf die Schulter legen *schauder* etc.
Aber Asperger definiert sich eben hauptsächlich durch die Unfähigkeit sozial zu agieren, die Handlungsweisen anderer Menschen zu verstehen – so steht es zumindest überall.
Außerdem wird die Diagnose Asperger Syndrom derzeit leider (besonders in den USA, aber inzwischen auch in Deutschland)  viel von Eltern missbraucht, die ihre Kinder nicht erziehen wollen oder können – ähnlich wie bei ADS/ADHS. Das wiederum schädigt all jene, die wirklich Autismus haben bzw ADS/ADHS.
Will ich also eine Diagnose, die derzeit überall als Modediagnose verschrien ist?
Andererseits öffnet diese Diagnose Türen, hinter denen Hilfe steht, die man dann beanspruchen darf und die ich langsam echt nötig habe, denn – um den Bogen zu Narkolepsie zu bekommen: Nachdem ich mich jetzt seit Wochen mit diesem Thema beschäftigt habe, wäre Asperger auch die Erklärung für die Müdigkeit – es sind tatsächlich Erschöpfungszustände. Wer kommt schon auf die Idee, dass ein Gespräch mit einer fremden Person einen so schaffen kann, dass man die nächsten 3 Tage kaum noch aus dem Bett hochkommt? Oder, dass unangemeldeter Besuch einen anschließend für eine Woche fast völlig außer Gefecht setzt? Solche Zusammenhänge stellt man ja nun nicht gerade als erste Wahl her, da sucht man ja schon eher nach anderen Ursachen, die einem wahrscheinlicher erscheinen.

Nachdem ich mich nun die Wochen über beobachtet habe und viel Literatur durchgearbeitet habe, weiß ich nun auch, dass meine “soziale Kompetenz” bzw meine Empathie auf gute Beobachtungsgabe zurückzuführen sind. Tatsächlich schätze ich ein Gesicht nicht intuitiv ein, sondern “messe” es gedanklich aus und gleiche es dann mit den Millionen Gesichtern in meiner “Datenbank” ab und ordne dann das dazugehörige “Gefühl” ein.
Vermutlich spüre ich auch deshalb eher die “echten” Emotionen von Menschen und übersehe die, die sie vorspielen. Denn die vorgespielten sind falsch und führen quasi zu einer Error-Meldung in meinem Kopf, bzw, wenn sie in der Form schon abgespeichert sind, kommt die Meldung “nicht authentisch”. Da ich selbst auch schon nahezu das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen erlebt habe bzw gefühlt habe, kann ich auch diese Gefühle abrufen und dadurch mit anderen mitfühlen. Das betrifft aber eben nur Emotionen, die ich selbst schon gefühlt habe.
Was man jedoch nie komplett lernen kann, ist das Verhalten in sozialen Situationen – denn die sind quasi maximal ähnlich, aber meist immer neu. Denn sie gestalten sich durch die Menschen, und da ist quasi keiner wie der andere.
Und da habe ich nach wie vor Probleme. Ich will höflich sein und gut erzogen, und alles richtig machen – aber ich weiß oft nicht wie. Ich kenne zwar die Grundregeln, aber die helfen mir nur bedingt weiter.

Mein Spezialinteresse ist übrigens Psychologie/Neurologie (wechselt sich manchmal ab mit Sprachen). Quasi alles, was vom Kopf ausgeht. Und wenn ich dem nachgehe, mache ich nichts anderes mehr. Ich schaffe auch nichts anderes mehr. Ich lese nur noch, informiere mich, tausche mich aus. Nur zu diesem einen Thema. Über Wochen und Monate oder gar Jahre. Deshalb war ich lange nicht mehr hier – ich war damit beschäftigt Informationen zum Asperger Syndrom zu sammeln :mrgreen:

Inzwischen bin ich soweit, dass ich Gewissheit will, deshalb war das Thema mehr oder weniger für mich abgeschlossen in dem Moment, wo ich einen Termin beim Arzt machte – der ist allerdings erst im August.

Und deshalb habe ich jetzt wieder etwas mehr Zeit =P

Und noch ein Merkmal: Themen, die mich sehr interessieren, über die berichte ich sehr ausführlich, weshalb dabei auch jedes Mal diese Romane entstehen.
Ich weiß nicht, ob man sich dafür entschuldigen muss, aber ich habe immer das Gefühl: Ja.
Entschuldigung. (o_O)

xxx, YM

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