Rebellion

Solange ich denken kann, haben mich Leute gefragt, warum ich bei einigen Dingen so rebellisch sei.
Das ist meine Erziehung. Das einzige, was meine Mutter richtig gemacht hat.
Ich wurde von Anfang an dazu erzogen, Dinge bei ihrem Namen zu nennen, Dinge zu hinterfragen, mich selbst zu informieren.
In der Grundschule fiel das zum ersten Mal meinen Lehrern in der ersten Klasse auf – es gab ein Lied, welches wir lernten, jedoch nur die erste Strophe, denn die zweite war nicht gerne gehört um nicht zu sagen verboten.
Meine Mutter hatte mir die zweite Strophe aber beigebracht. Da man sich mit 6 oder 7 Jahren eher weniger für politische Dinge des eigenen Landes interessiert, sah ich keinen Grund dafür, die zweite Strophe nicht auch zu singen – also tat ich es.
Denn, dass sie verboten war, hatte man uns nie explizit gesagt. Man hatte sie uns nur einfach verschwiegen.
Als ich also anfing diese Strophe zu singen, wurde unsere Lehrerin kreidebleich. Sie meinte ich solle sofort aufhören zu singen und woher ich die zweite Strophe kennen würde. Ich erzählte ihr also, dass meine Mutter sie mir beigebracht hatte. Am späten Nachmittag suchte sie dann das Gespräch mit meiner Mutter.
Wir mussten das Lied nie wieder singen, weil meine Mutter sich weigerte mir zu verbieten, die zweite Strophe mitzusingen. Außerdem kannte dank mir kurz darauf ohnehin die ganze Klasse die verbotenen Zeilen und sang sie auch =P
Warum meiner Mutter das wichtig war?
Weil das Lied nun mal zwei Strophen hatte. Das war eine Tatsache, die sie nicht einfach unter den Teppich geschoben sehen wollte. Entweder man singt es ganz oder man lässt es bleiben. Unschöne Dinge einfach wegzulassen war eine Strategie, die es in unserer Familie nicht gab. Entweder du nimmst es, wie es ist oder du lässt es bleiben. Ganz einfach, oder?
Auch meine Großeltern, besonders mein Opa, sind so geprägt.
Mein Opa ist ein hochgebildeter Mann, sehr interessiert und wissbegierig. Das hat er auch mir mitgegeben.
Schon meine Zeit im Kindergarten lief anders ab, als bei den anderen. Die meiste Zeit verbrachte ich mit meiner Kindergärtnerin indem ich ihr endlos Löcher in den Bauch fragte über alles mögliche in der Welt, was mir aufgefallen war und wovon ich durch meinen Opa gehört hatte. Und wenn ich das nicht tat, übte ich an ihrem Handgelenk Schleifen binden oder lernte Schreiben. Meine Freunde waren grundsätzlich älter als ich.
Meine beste Freundin, die mit in unserem Haus wohnte ging bereits in die 3. Klasse, als ich noch im Kindergarten war. Von ihr lernte ich das kleine 1×1.
Alles, was man irgendwie erfahren konnte, saugte ich auf, wie ein Schwamm.
Das führte dazu, dass ich häufig zu anderen Schlüssen kam, als andere in meiner Umgebung, was diese dann wiederum als rebellisch auffassten. In ihren Augen zog ich Schlüsse, die völlig absurd waren und somit auch mein Verhalten.

Ich wurde dazu erzogen, meine Meinung zu sagen, wenn ich es für angebracht hielt.
Auf dem Fachgymnasium auf dem ich war, meinte mal eine Lehrerin zu mir ich sei dumm.
Ich antwortete ihr offen, dass wir dann wohl schon zwei wären. Sie starrte mich schockiert an, als hätte ich sie gerade beleidigt.
Habe ich aber nicht. Ich war tatsächlich der Ansicht, dass diese Frau dumm war.
Hilft ihr ja auch nicht, sie zu belügen, oder? Und wo wir nun schon grad mal offen zueinander waren…
Ihr Wissen war ausschließlich beschränkt auf das Fach, das sie unterrichtete. Und selbst da, war ihr Wissen bereits seit 10 Jahren überholt. Das merkte nur kaum jemand, weil sie auch noch mit den alten Büchern arbeitete.

Ich bin in jeder Form analytisch. Das Wiederum habe ich glaube ich von meiner Oma. Wie sie, beobachte ich erst die Leute und ihr Verhalten und füge mich ein.
Handelte es sich um eine bereits bestehende Gruppe – z.B. eine neue Klasse (wir sind wahnsinnig oft umgezogen) war das letzte, was ich wollte, wie ein Störfaktor zu wirken.
Sich gut zu benehmen, Manieren zu zeigen, umgänglich zu sein, das alles waren Dinge, die meine Oma mir immer wieder eingehämmert hat. Während meine Mutter mir beibrachte, wann es angebracht war, auf seine Manieren zu verzichten.
Obwohl ich ein 1er-Schüler war, galt ich nie als Streber. Es waren immer andere, die gemobbt wurden. Warum? Weil ich sowohl Zeit für meine Freunde hatte, als auch für die Hausaufgaben. Allerdings muss ich sagen hatte ich auch Glück, dass mir alles immer zuflog. Ich musste nie viel machen. Für mich waren gute Zensuren kein großes Ding und es gab für mich auch keinen Grund Leute mit schlechten Noten zu meiden.
Ganz im Gegenteil, den meisten Spaß hatte ich mit den 5er-Schülern. Sie mögen in der Schule nicht gut gewesen sein, stellten sich aber im Leben außerhalb der Schule dafür um so geschickter an. Das mochte ich. Sie hatten viele Theorien über das Leben, die ich wahnsinnig interessant fand. Und oft waren sie selbst kleine Rebellen, was mich dann wiederum bestärkt hat.

Wenn man Dinge von allen Seiten beleuchtet, entsteht ein völlig neues Bild, was viele oft gar nicht sehen. Schlimmer noch: Sie wollen es auch nicht sehen, weil sie sich gut fühlen, mit dem, was sie bereits sehen. Es passt gut in ihre Welt. Widersprüche werden als Störfaktor empfunden, die einen dazu zwingen zu prüfen, wie dieser Widerspruch entstehen konnte. Zusätzlich entsteht das Risiko, dass noch weitere Dinge, die bisher so herrlich in mein Weltbild passten, einen Widerspruch ergeben könnten, wenn ich beginne, sie zu hinterfragen – also von einer anderen Seite aus zu beleuchten.
Das würde neue Fragen aufwerfen, die nach Antworten verlangen und das alles ist den meisten schon wieder zu viel Arbeit. Deshalb lassen sie sich die Fragen samt der Antworten von anderen servieren – z.B. den Medien – und müssen sich so um nichts mehr kümmern – maximal noch reagieren. Z.B. meckern.

Und, jeder der es anders handhabt und dadurch schon gezwungenermaßen häufig zu völlig anderen Schlüssen kommt, ist plötzlich rebellisch. Er rebelliert gegen ein wunderbar etabliertes Informations- und Verhaltenssystem.

Und ja, ich liebe es. Ich bin dankbar, so erzogen worden zu sein. Ich bin dankbar mit beiden Augen sehen zu können, ich bin dankbar für diesen wilden Mix aus ethischen, moralischen und rebellischen Erziehungssträngen auch wenn das heißt, dass man erkennt, dass der Großteil unserer Welt scheiße ist.
Meine Erziehung ist für mich quasi die rote Pille gewesen und wenn das heißt, dass ich deshalb ein Rebell bin – dann bin ich wohl einer.

PS: Meine Großeltern wählen Piraten.

xxx, YM

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